Schulen mangelt es an digitaler Erfahrung

Interview mit Jochen Ernst, SBE network solutions GmbH

17. März 2021

“Wir gehen gern zur Schule” ist das Motto von SBE network solutions. Seit über 20 Jahren kümmert sich das Unternehmen um praxistaugliche Lösungen für Schulen und Hochschulen. Zum Portfolio gehören die Planung und Realisierung von Schulnetzwerken, die Installation von Schulservern sowie die Lieferung von PCs und Tablets inklusive Remote-Service und Management der Nutzer.

 

Daniel Rexhausen: Hallo Herr Ernst, das Geschäft muss bei Ihnen ja gerade brummen ohne Ende.

 

Jochen Ernst: Brummen ja, viele Schulen fahren aktuell unter der Devise “viel bringt viel” und deshalb wird massenhaft investiert. Ehrlich gesagt habe ich die Sorge, dass die Anschaffungen auf halber Strecke liegen bleiben, weil intern niemand da ist, der die Geräte managen kann. Dann bleiben sie ungenutzt liegen. Mir hätte es besser gefallen, wenn man das Ganze ein wenig individueller angegangen wäre. Viele Schulen fangen ja ganz unten an. Sie haben noch nicht mal eine strukturierte Gebäudeverkabelung, die man für gutes WLAN an der Schule allerdings zwingend benötigt. Dort haben wir mit einem enormen Medienbruch zu kämpfen. Es ist zwar ein Anfang, dass sich Lehrer und Schüler digital austauschen können. Wenn aber eine PDF-Datei immer noch ausgedruckt werden muss, damit sie zu beschreiben ist, weil niemand sie als ausfüllbare PDF zur Verfügung stellen kann, dann zeigt uns das deutlich, wo die Probleme liegen. In den Schulen hängt vieles vom einzelnen Lehrer ab. Wir haben Schulen, die in Sachen Digitalisierung richtig was bewegen und umsetzen. Dort gibt es Apps für Stundenpläne und zum Hochladen von Entschuldigungen. Diese Schulen sind in wenigen Jahren vermutlich voll digitalisiert. Aber es gibt immer noch Schulen, die haben noch nicht einmal damit angefangen.

 

Daniel Rexhausen: Sie verkaufen ein komplexes Produkt, wie hat sich die Pandemie auf Entscheidungsprozesse ausgewirkt? Wie haben Sie Interessenten überzeugen können?

 

Jochen Ernst: Europas größte Bildungsmesse, die Didacta in Stuttgart, hat nicht stattgefunden. Also haben wir versucht, Interessenten über Online-Schulungen und Online-Seminare zu unseren Produkten zu informieren. Hauptsächlich leben wir aber ohnehin von der Mundpropaganda und dem Austausch der verschiedenen Schulträger. Deshalb ist der persönliche Kontakt zu Kunden und Interessenten für uns sehr wichtig und wertvoll.

 

Daniel Rexhausen: Nun sind Sie ja wahrscheinlich nicht in den Entscheidungsprozess involviert. Wenn die Entscheider aber über wenig Erfahrung und technologisches Wissen verfügen, wäre es dann nicht clever, dass die Schulen Sie stärker einbinden würden?

 

Jochen Ernst: Ja natürlich. Wenn wir dem Kollegium zeigen und demonstrieren können, welche Möglichkeiten und Vorteile die Digitalisierung bringt und wie das alles funktioniert, dann sind die Lehrer am Ende von der Technik nicht erschlagen. Dann wissen sie, was zu tun ist, wenn es Probleme gibt. Vielen Lehrkräften mangelt es an digitaler Erfahrung. Sie tun sich schwer, neue Medien in ihrem Unterricht zu nutzen, mit denen sich ihre Schüler vermeintlich besser auskennen. Ängste kommen auf, etwa wenn es um Datenschutz geht. Das führt dazu, dass Schulen lieber konservativ entscheiden. Wir haben zuletzt oft erlebt, dass es lieber keinen Unterricht gibt, als Unterricht über Microsoft Teams.

 

Daniel Rexhausen: Das Kollegium stimmt über Anschaffungen ab. Wenn ich mir vorstelle, dass ein Buying Center im Unternehmen eine Beschaffungsentscheidung auf demokratischer Basis trifft, stehen mir die Haare zu Berge. Dort holt man das Gremium zusammen und am Ende des Tages trifft einer die Entscheidung. Müsste man das nicht übertragen und den Schulleiter über die beste Lösung entscheiden lassen.

 

Jochen Ernst: In vielen Bereichen wird das so praktiziert. In Gewerbeschulen spürt man den Prozess der Beratung. Das Land Bayern gibt für Schulen von der Praxis getriebene, sehr durchdachte Empfehlungen heraus. Manche Schulleiter können ihre Leute begeistern. Schulen, die sich als Team verstehen, kommen sehr viel schneller, sehr viel weiter. Aber oft wünschen wir uns noch, dass der Schulleiter als Chef entscheiden würde. Nur will der die Verantwortung für so viele Schüler und Lehrer übernehmen?

 

Daniel Rexhausen: Bildung und Digitalisierung sind ja nicht nur ein Schulthema. Auch Ausbildungsbetriebe haben ihre Anforderungen an Weiterbildung. Ich glaube, dass sich Unternehmen mit dem Organisieren und Digitalisieren von Lerninhalten ebenfalls sehr schwertun. Was können Unternehmen bezüglich der Bildung ihrer Mitarbeiter von Ihnen lernen?

 

Jochen Ernst: Kurze kleine Lerneinheiten und Bildungsvideos lassen sich sehr gut in die unternehmensinterne Weiterbildung einpflanzen. Sie können beispielsweise kleine Wissenseinheiten auf Lernplattformen anlegen und die Fortschritte der teilnehmenden Mitarbeiter protokollieren. Das motiviert zum Wissenserwerb.

 

Daniel Rexhausen: Hat sich durch die Krise Ihre Haltung zur Digitalisierung insgesamt verändert?

 

Jochen Ernst: Definitiv. Wir haben unsere Prozesse so umgestellt, dass sie mittlerweile zu 100 Prozent digitalisiert sind. Wir haben unsere Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt und stellen fest, dass unsere Abläufe schneller geworden sind. Wir können uns schneller mit Informationen versorgen und schneller Besprechungen einberufen. An den Schulen haben wir ebenfalls viele Mechanismen hochgradig automatisiert. Wir betreuen beispielsweise 600 Schulen der Stadt Berlin. Dort finden der Support und der Kundendienst schon längst digital statt.

 

Daniel Rexhausen: Was bedeutet Marktführerschaft für Sie?

 

Jochen Ernst: Als Marktführer sind sie immer der Gejagte, denn sie werden von allen Seiten befeuert. Das macht den Innovationsprozess druckvoller. Ja, das macht Spaß, nur darauf ausruhen darf man sich auf keinen Fall, weil die IT-Branche eine sehr schnelllebige Branche ist. Wir überlegen uns bereits, wie sich unser Produkt verändern oder auf andere Branchen übertragen werden kann. Ein kleines Unternehmen ohne Administrator hat vielleicht die gleichen Probleme wie eine Realschule. Die Marktführerschaft muss man im Auge behalten, aber der Kuchen ist groß genug.

Bei einer Umfrage vom Westdeutschen Rundfunk aus dem Jahr 2019 zum Beispiel sollten Schulleitende und Schüler die digitale Ausstattung an ihren Schulen mit Schulnoten bewerten. Am schlechtesten schnitt die Ausstattung mit Tablets ab. Hier vergaben Schüler die Note 4,5, Schulleitende sogar die Note 4,6. Die Bewertung des WLAN war nur etwas besser. Während Schulleitende die Note 3,6 vergaben, bewerteten Schüler das WLAN mit der Note 4,1. Es gibt für uns IT-Dienstleister also noch genug zu tun.

 

 

Beitragsbild Quelle: ©SBE network solutions GmbH

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